„Besser, wenn man wählen kann!“ werben derzeit auf den Straßen der Stadt die Plakate der Initiative „Freie Wahl“ für die Gleichberechtigung zwischen Ethik- und Religionsunterricht. Noch bis zum 22. Januar dürfen alle zur Abgeordnetenhauswahl berechtigten Berliner ihre Unterschrift für das Volksbegehren abgeben. Kommen bis dahin 170 000 Stimmen zusammen, wird erstmalig in der Hauptstadt im Juni ein Volksentscheid über eine Gesetzesänderung stattfinden, an die das Parlament gebunden ist.
Im Jahr 2006 hatte der rot-rote Senat gegen erhebliche Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern und ungeachtet der Gegenstimmen aus den eigenen Reihen (u.a. Johannes Rau, Wolfgang Thierse) das Pflichtfach Ethik eingeführt. Religionsunterricht ist in Berlin, anders als es das Grundgesetz in Artikel 7 vorschreibt, kein ordentliches Lehrfach und kann nur zusätzlich belegt werden. Faktisch jedoch hat das Zwangsfach eine enorme Abwertung des Religionsunterrichts zur Folge, der von immer weniger Schülern noch freiwillig besucht wird. Wer den Stundenplan eines Siebtklässlers kennt, kann das verstehen. Wer bleibt schon in den Nachmittagsstunden freiwillig zum Unterricht?
Berlin lebt von seiner Multikulturalität. Die Wahlfreiheit würde zu Toleranz und Verständigung unter den Religionen beitragen, denn nur wer etwas über seine eigenen Wurzeln weiß, ist auch zu fruchtbarem Dialog in der Lage. Es wäre eine enorme Bereicherung, wenn in fächerübergreifenden Lerngruppen Atheisten, Christen, Juden und Moslems miteinander ins Gespräch kämen. Authentische Vertreter der unterschiedlichen Glaubensrichtungen sind keine Gefahr. „Neutrale“ Wertevermittlung gibt es ohnehin nicht.
Die Arroganz des Regierenden in Sachen Flughafen Tempelhof hat bei vielen Berlinern Ernüchterung über die Wirkung von Volksabstimmungen zur Folge gehabt. Ist der Entscheid aber erfolgreich, müssen Senat und Abgeordnetenhaus ihn eins zu eins umsetzen.
Noch etwas ist neu: Musste man zur Stimmabgabe für das Volksbegehren der ICAT noch zum Bürgeramt gehen, können nun auch in der zweiten Phase des Volksbegehrens Unterschriften auf der Straße gesammelt werden.
Der Erfolg des Volksbegehrens hängt nicht zuletzt von unserem Engagement ab. Deshalb wollen wir das Weihnachtsgeschäft nutzen, um am Samstag, dem 20.12. ab 12 Uhr in der Gorkistraße erneut viele Unterstützer zu gewinnen. Bitte werbt auch unter euren Freunden und Bekannten für „Pro Reli“. Listen für Unterschriften lassen sich auch bequem unter www.freie-wahl.de herunterladen.
Niemand darf zur Teilnahme am Religionsunterricht gezwungen sein. Das gleiche sollte für Ethik gelten. Besser, wenn man wählen kann!
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| Lukas Wiesenhütter, 15.12.2008 |