Aufbruch in eine motivierende Schule
Thesenpapier des bildungspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus

I. Die Berliner Schulpolitik hat versagt

Die Berliner Schüler erzielen bei allen deutschen Vergleichsuntersuchungen unterdurchschnittliche Ergebnisse. Bei der PISA-Studie liegt Berlin in allen untersuchten Kompetenzfeldern weit hinten. Würde man die 16 Bundesländer in das internationale PISA-Ranking einordnen, landet Berlin bei der mathematischen Kompetenz auf dem 30. von 38 Plätzen. Bestenfalls erreicht Berlin in einem Kompetenzfeld Platz 16, hier rangiert Bayern aber auf Platz zwei, direkt hinter dem zweifachen PISA-Sieger Finnland. Immer wieder offenbaren Schuleingangsuntersuchungen und Sprachstandsmessungen miserable Leistungen der Berliner Schüler. Die Berliner Gymnasiasten schneiden in den Vergleichsuntersuchungen schlechter ab als die Gymnasiasten der meisten anderen Bundesländer, die Berliner Hauptschüler haben kaum eine Perspektive, sie finden sich am unteren Ende der Skala aller deutschen Schüler. Insgesamt eine inakzeptable Situation angesichts der Hauptstadtfunktion Berlins. Für das relativ schlechte Abschneiden der meisten Bundesländer bei PISA machte die Kultusministerkonferenz eine Reihe von Gründen aus, auf deren Bekämpfung sich die Kultusminister einvernehmlich verständigten. Die CDU-Fraktion Berlin hat durch eine Vielzahl parlamentarischer Anträge – in dieser Legislaturperiode allein 18 - die Verbesserung der Schulqualität eingefordert. Der Senat hingegen hat die Ziele und Vorgaben der KMK meist nur schleppend und in der Regel inkonsequent umgesetzt. Er spielt mit hohem Reformeifer Handlungskompetenz vor, in Wirklichkeit überdeckt er aber nur die planerischen und organisatorischen Schwächen seiner Politik. Die Bildungspolitik der letzten fünf Jahre hat eine Reform nach der anderen schlecht vorbereitet, durchgepeitscht und gleichzeitig die schulorganisatorischen Probleme ignoriert. Die Schulen wurden allein gelassen, Schüler demotiviert und die Schulgebäude durch die Kürzung des Schulsanierungsprogramms als äußeres Zeichen dieser Bildungspolitik verfallen gelassen. Die Berliner Schulen brauchen jetzt dringend längerfristige und verlässliche Unterstützung und Mut zum Aufbruch.

Das größte Problem der Berliner Schulen ist der massive Unterrichtsausfall. Nach wie vor fallen pro Jahr 600.000 Stunden Unterricht ersatzlos aus. Hinzu kommen die fachfremd vertretenen Stunden, deren Qualität unterschiedlich bewertet werden muss. Wir brauchen neue, gut ausgebildete Lehrkräfte in Berlin. Wir dürfen nicht zusehen wie die besten Lehrkräfte nach ihrem Studium Berlin verlassen. Gleichzeitig nimmt der Senat die Schulpflicht nicht ernst. Langwierige bürokratische Verfahren, das Ende der polizeilichen Zuführung und die Verharmlosung des Dauerschwänzens als „schuldistanziertes Verhalten“ lassen die Schulpflicht zur Farce werden. An den Innenstadtschulen steigen die Zahlen der Dauerschwänzer.

Die Grundlage des weiteren Bildungsweges wird in den ersten Lebensjahren eines Kindes gelegt. Der Kita-Besuch hat auf die Sprachkompetenz sehr positive Auswirkungen. Die IGLU-Studie hat nachgewiesen, dass Kinder, die eine Kita länger als ein Jahr besuchen, gegenüber Kindern, die weniger als ein Jahr in der Kita waren, am Ende der vierten Klasse in ihren Lesekompetenzen um ein Schuljahr voraus waren. Wir brauchen daher eine flexible, qualifizierte und verlässliche Kinderbetreuung. Die Abschaffung der Vorschulen im Westen war ein Fehler. Die bisherigen Sprachuntersuchungen im Alter von fünf Jahren sind zu spät. Die Koalition ist erst nach Jahren auf unseren Antrag eingegangen, das Untersuchungsalter auf vier Jahre abzusenken. Vor Schuleintritt müssen alle Kinder mit Defiziten in der Sprachkompetenz an einem verpflichtenden Vorschuljahr teilnehmen.

Die Sprachkompetenz ist die Grundlage jeglichen weiteren Bildungserwerbs. An den Schulen mit hohem Migrationsanteil muss daher die Sprachförderung in der bisherigen Größenordnung erhalten bleiben. Deshalb dürfen auch die „Deutsch-als-Zweitsprache-Zusatzstunden“ nicht – wie bisher – in die Reduzierung des Unterrichtsausfalls fließen. Gleichzeitig wollen wir mehr Schulen ermuntern, Deutsch als Verkehrssprache festzulegen. Die Eltern müssen in die Verantwortung genommen werden. Sozialarbeiter müssen die Schulleitung bei regelmäßigen Elternkontakten unterstützen. Eltern von Problemschülern, mit denen keine Kommunikation möglich ist, bzw. Schüler, die dauerhaft schwänzen, sollen sofort der Schulaufsicht und dem Jugendamt gemeldet werden. Anstelle des bisherigen langwierigen Verfahrens von Stellungnahmen und Gegenstellungnahmen erhalten Eltern von Dauerschwänzern und Eltern, die nach mehrfacher Aufforderung nicht kooperieren, umgehend einen Bußgeldbescheid. So soll auch den Schulleitungen durch die Verwaltung der Rücken gestärkt werden.

Die überstürzte und schlecht vorbereitete Einführung der Flexiblen Schulanfangsphase stürzt viele Schulen ins Chaos. Dies belegen auch 51% der Schulen, die beantragt haben, zurückgestellt zu werden. Die Abschaffung der Frühdiagnosen und die Abschaffung der Möglichkeiten der Zurückstellung aus entwicklungsphysiologischen Gründen überfrachten gleichzeitig die Flexible Schulanfangsphase. Wir fordern daher die Flexphase nur auf der Basis der Freiwilligkeit einzuführen. Die frühere Einschulung ist zwar begrüßenswert, kann aber nur erfolgreich sein, wenn die Diagnose wieder eingeführt wird und die Schulen mit ausreichendem Personal für Schüler mit Integrationsbedarf ausgestattet werden. Gleichzeitig müssen die ersten und zweiten Klassen an Sonderschulen nach Bedarf wieder eingerichtet werden.

Die Ganztagsschule ist eine gute Erweiterung des Bildungssystems. Sie kann aber nur funktionieren, wenn Bildung und Betreuung nicht nebeneinander stehen bleiben. Alle Beteiligten klagen seit langem über zu wenig Personal, zu schlechte Kommunikation von Erzieherinnen und Lehrern und zu wenig Räumen. Ganztagsschule muss bedeuten, die bisherigen Unterrichts- und Betreuungszeiten miteinander zu verbinden. Anstatt bestehende Profile, wie die Musikbetonung zu streichen, brauchen alle Schulen Mittel und Unterstützung für ihre Profilbildung, besonders für den Nachmittagsbereich.

Das Schulmanagement ist ein Stiefkind geblieben, so dass die neue Selbstverantwortung der Schule ins Leere läuft. Die Schulen müssen endlich als pädagogische Handlungseinheiten mit operativer Verantwortung und Steuerung für ihre professionelle Arbeit verstanden werden. Bisher fehlt eine politische Strategie zur Einführung von Standards, die dies in Rechnung stellen, und eine ausreichende Ausstattung mit Personal in der Schulleitung, sowie eine breit angelegte Fortbildung.

Es fehlen Maßnahmen zur Verbesserung der Professionalität der Lehrertätigkeit, insbesondere im Hinblick auf diagnostisch-methodische Kompetenz als Bestandteil systematischer Schulentwicklung. Die eingeleitete Lehrerbildungsreform beinhaltet nicht die notwendige Ausweitung der Fachdidaktik und der Erziehungswissenschaften – notwendig wäre dafür eine Erhöhung der universitären Kapazitäten – und außerdem muss die Weiterbildung effizienter gemacht werden.

Gegenwärtig gibt es für Lehrkräfte und Schulen keine systematische Personalentwicklung. Das Geschick Vorgesetzter und das Bemühen der einzelnen Lehrkraft bestimmen den Berufsverlauf. Es bedarf eines Systems, das der einzelnen Lehrkraft hilft, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und Korrekturen von Fehlentwicklungen vorzunehmen. Dazu sollten zwischen Schulleitungen und Lehrpersonal die Übernahme von Funktionsstellen, aber auch Formen der „Honorierung“ besonderer Leistungen durch Beförderung, Bezahlung, Anrechnungsstunden oder Fortbildungsmöglichkeiten gehören.



II. Viele Berliner Schüler haben keine Perspektive

Im Schuljahr 2005/2006 besuchten in Berlin 13.079 Schüler die 54 öffentlichen Hauptschulen der Stadt. Sie entsprechen 8,6% der Schüler aller weiterführenden Schulen, so wenig wie in keinem anderen Bundesland. 47% haben einen erweiterten Hauptschulabschluss erhalten, 16% durch das Erreichen der neunten Klassen einen einfachen Hauptschulabschluss und 11% haben den mittleren Schulabschluss gemacht. 26% der Schüler verließen die Hauptschule ohne einen Abschluss. Im letzten Jahr haben von allen Hauptschulabgängern nur etwa 10% einen Ausbildungsplatz erhalten. Von den Abgängern der Rütli-Schule hat nicht ein einziger Schüler einen Ausbildungsplatz erhalten, und dies bevor der Brandbrief des Lehrerkollegiums öffentlich wurde. Hauptschüler sind stigmatisiert, vierte Wahl nach Gymnasium, Realschule und Gesamtschule, viele Unternehmen winken ab.

Seit der Einführung der Gesamtschule in Berlin Ende der 70er Jahre wurden insgesamt 49 öffentliche und 5 private Gesamtschulen gegründet. Sie entziehen seitdem den Hauptschulen die Schüler, deren Eltern überwiegend Interesse und Verständnis für den Bildungsweg ihrer Kinder zeigen. Von den 4.200 Schülern, die nach der 6. Klasse eine Hauptschulempfehlung hatten, besuchen 2.400 die Realschule und die Gesamtschule und nur 1.800 die Hauptschule. Bereits heute geht also die Mehrzahl der Hauptschulempfohlenen nicht auf die Hauptschule. Bei allen Bemühungen kleine Klassen zu schaffen, unterschiedliche Modellprojekte zu implementieren, Praxisanteile auszubauen und auch wenn der Bundespräsident gut arbeitende Hauptschulen auszeichnet, bleibt es dabei: An der Hauptschule finden sich fast nur Schüler aus sozial prekären Familiensituationen wieder; mangelhafte Erziehung, fehlende positive Vorbilder und Integrationsprobleme prägen das Schulklima. Die einstige dritte Säule des deutschen Bildungssystems trägt nicht mehr. Die Hauptschule in Berlin ist so eine Restschule mit allen sozialen Konsequenzen.

Der Hauptschulexperte und Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Herbert Gudjons stellt klar, „dass der Besuch der Hauptschule selten durch freie Entscheidungen für ein hauptschulspezifisches Konzept zu Stande kommt, sondern weitgehende Folge eines negativen Ausleseprozesses ist“. In Berlin zählen nach der Definition des PISA-Forschers Prof. Baumert etwa 60% aller Hauptschulklassen zum schlechten Typ „Ungünstiges Milieu“. Ein Berliner Hauptschüler hat kaum eine Chance nach der Schule einen regulären Berufseinstieg zu finden, das Wissen darum mindert seine Motivation.

2005 legte der Senat ein Entwicklungsprogramm für die Berliner Hauptschulen vor. Das Programm nennt als Ziel, die Anzahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss bis zum Jahr 2010 zu halbieren, und bis zum gleichen Jahr die Zahl der Schüler, die am Anschluss an die Hauptschule einen Ausbildungsplatz erhalten, zu verdoppeln. Die Defizite des Hauptschulprogrammes liegen aber ganz klar darin, dass den Hauptschulen keinerlei neue Unterstützung zur Erreichung der Ziele gegeben werden soll, vielmehr werden sie alleine gelassen. Es fehlen die praktischen Anreize, es fehlt der Impuls, es bleibt bei der unmotivierten Negativauslese.

Seit dem Beginn der Bildungsreformen hat besonders die SPD nichts zur Verbesserung des Schulsystems und zur Leistungssteigerung der Schüler beigetragen. Wie beim Hauptschulprogramm gab es gerade von den sozialdemokratischen Bildungssenatoren in Berlin viele ideologische Reformansätze, Wunschdenken und undurchdachte Programme. Jüngstes Beispiel ist die Einführung der Gemeinschaftsschule. Neben dem Gymnasium, Realschule, Gesamtschule und Hauptschule soll nun noch eine fünfte Schulform gesetzt und damit das Schulsystem weiter zergliedert werden. Wir lehnen diese Art ideologisch motivierter Stückwerkpolitik ab. Dies ist kein Impuls und kein Aufbruch für das Berliner Schulsystem.



III. Allen Berliner Schülern eine Chance geben

Das zersplitterte Berliner Schulsystem ist historisch zu erklären, aber politisch so nie gewollt gewesen. Es ist das Ergebnis mehrerer Phasen von Schulstruktur-Diskussionen, in denen wechselnde Regierungskoalitionen in einem bestehenden Schulsystem jeweils immer nur einen Bruchteil ihrer Vorstellungen umgesetzt haben. Dies hat die drei Schulformen, neben dem Gymnasium, der Qualitätskontrolle entzogen und 10% der Schüler auf die Hauptschule abgeschoben; gleichzeitig haben sich zwei Schulformen - Realschule und Gesamtschule - mit einer sehr ähnlichen Schülerstruktur etabliert. In allen Bundesländern wird seit Jahren eine Diskussion über die Schulstruktur geführt, auch durch die CDU. Dies geschieht nicht, weil die Schulstruktur ursächlich für eine gute oder schlechte Schule wäre – guter Unterricht kann in jeder Schule stattfinden, schlechter auch - aber die Schulstruktur spielt eben auch eine Rolle, vor allem für die Motivation und Akzeptanz von Schülern, Eltern und Lehrern. Die Hauptschule ist in Berlin delegitimiert. Außerdem gibt es heute bereits weitreichende Überlappungen von Kompetenzen und Schulformen. Die Kompetenzwerte der Realschüler und der Gesamtschüler waren bei der letzten PISA-Studie weitgehend identisch. 75% der Hauptschüler erreichten gar die Kompetenzwerte von 60% der Realschüler und Gesamtschüler. Eine wissenschaftliche Begründung für das Berliner zergliederte Schulsystem gibt es nicht.

Wir wollen die Ergebnisse der vielen wissenschaftlichen Untersuchungen ernst nehmen und wir wollen allen Schülern eine Chance geben. Angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen muss auch die Chance genutzt werden, das Berliner Bildungssystem effizienter zu gestalten. Jeder Versuch, allein die Hauptschule umzubauen, muss scheitern, denn noch so gute Ideen finden ihre Grenzen an der schmalen Schülerbasis von nur knapp 9% der Schülerschaft. Chancengerechtigkeit für bestmögliche und individuelle Förderung steht dabei für uns vor der ideologisch vertretenen Chancengleichheit auf niedrigem Niveau. Es ist klar, dass es keinen Sinn ergibt, alle Schüler ohne Berücksichtigung ihrer individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten schlicht nebeneinander zusetzen und dies für individuelle Förderung zu halten. Es hülfe dem Gymnasiasten nicht, wenn neben ihm ein Hauptschüler säße. Deshalb lehnen wir eine Einheitsschule ab. Wir lehnen es aber auch ab, nichts für die Schüler zu tun, die nicht aufs Gymnasium gehen können. Deshalb wollen wir die Zersplitterung neben dem Gymnasium aufheben und eine breite Schülerbasis für eine neue zweite Schulform schaffen. Dabei geht es darum, die ineffiziente Zergliederung aufzuheben, aber die Vielfalt zu erhalten. So orientieren wir uns unter anderem an den politischen und wissenschaftlichen Ergebnissen aus Hamburg, wo die CDU die mittelfristige Einführung eines zweigliedrigen Schulsystems durchgesetzt und damit ein Ende der ideologischen Systemdebatten herbeigeführt hat. Die CDU hat es damit auch geschafft, die Meinungsführerschaft in der Bildungspolitik zu übernehmen und sich klar von den Einheitsschulideen der Linken abzugrenzen.

Wir wollen einen Impuls für das Berliner Bildungssystem, wir wollen eine motivierende Aufstiegsschule. Hierzu soll es nur noch eine Schulform neben dem Gymnasium geben, die aber gleichzeitig größtmögliche Freiheiten für ihre innere Gestaltung erhält. Es soll eine selbstverantwortliche Schule mit einer Schulleitung geben, die sich als Management versteht, mit dem Ziel effizientere Strukturen zu schaffen, eine Schule die sich dem Qualitätswettbewerb stellt. Personal-, Budget- und Profilbildungshoheit für jede einzelne Schule ist die Voraussetzung für Motivation und Wirksamkeit. Der größer werdende Schülerstrom zu den Schulen in freier Trägerschaft beweist es. Wir wollen den Vorschlägen des Aktionsrates Bildung und des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes folgen und die Schulen in die Freiheit entlassen; die Aufgabe des Staates wird auf die Kontrolle einheitlicher Bildungsstandards beschränkt. Eine Schule würde dann – analog zum Kita-System oder den Zielvereinbarungen mit den Hochschulen – Mittel für jeden Schüler erhalten. Denkbar wäre eine Zumessung von Mitteln als Mix aus Grundschulempfehlungen und erreichten Abschlüssen. Also mehr Geld für lernschwächere Schüler und mehr Geld für gute pädagogische Arbeit.

Die neue Schule soll sich also weitgehend selbstverantwortlich organisieren. Wie die Konzeption für die Hamburger Stadtteilschule, soll sich auch die neue Berliner Schule an regionalen Gegebenheiten und soziokulturellen Zusammensetzungen orientieren und über ihre innere Organisation und ihr Schulprofil selbst entscheiden. Damit soll die neue Schule für alle attraktiv werden: Eltern und Schüler sollen motiviert sein, diese neue Schule zu besuchen. Wir wollen, dass Schüler, die den Mittleren Schulabschluss anstreben, angemessen gefördert werden und Schüler die den MSA nicht anstreben, die aber motiviert sind, eine Berufausbildung oder einen Job zu bekommen, angemessen unterstützt werden. Jeder Schüler – der es will – soll die MSA-Prüfung ablegen können. Von den Teilnehmern der MSA-Prüfung an Hauptschulen erhielten immerhin 41% der regulären und 25% der freiwilligen Schüler den MSA. Womit klar wird, dass auch Hauptschüler leistungsfähig sein können, wenn sie die notwendige Unterstützung erhalten. Im Mittelpunkt der neuen Schule steht also eine Orientierung am Niveau der bisherigen Realschule. Den Schulen bleibt freigestellt, ob sie zur Leistungsdifferenzierung die Form der äußeren Differenzierung - in bessere und schlechtere Lerngruppen - wählen, oder zusätzlichen Förderunterricht anbieten.

Schüler, die eher praktisch begabt sind und die nicht unbedingt einen MSA anstreben, sollen ein zusätzliches Angebot bekommen und hierfür Praxisklassen besuchen können. Grundlage kann dabei das bundesweit erfolgreiche Modell des „Produktiven Lernens“ sein, das es bisher bereits mit 35 Klassen an 15 Berliner Schulen gibt. Im Vordergrund steht die starke Verknüpfung und Integration von Unterricht und Praxis. In jedem Jahr nehmen die Schüler an drei Praktika teil. Hierfür stehen drei Wochentage zur Verfügung, der Unterricht in der Schule findet an zwei Wochentagen statt. Abweichend können die Schulen auch eine dauerhafte Kooperation mit Untenehmen eingehen und die Schüler anstelle mehrer Praktika nur ein Praktikum durchlaufen lassen.

Die Zusammenführung einer bisher noch relativ getrennten Schülerpopulation wird nicht ohne Probleme verlaufen. Deshalb ist es notwendig, die Strukturreform auch „kulturell“ abzusichern. Alle Berliner Schulen brauchen einen verlässlichen Verhaltenskodex. Für alle muss Pünktlichkeit und Verlässlichkeit gelten, für die Schüler und die Lehrer. Die neuen Schulen sollen sich an dem Modell der „Selbstwirksamen Schule“ orientieren. Die Schulen mit einem hohen Migrationsanteil sind vor besondere Herausforderungen gestellt. Diese Schulen brauchen sofort eine ausreichende Ausstattung mit Sozialarbeitern und Schulstationen, beginnend in allen Innenstadtbezirken. Außerdem muss eine enge Zusammenarbeit mit den Jugendämtern aufgebaut werden. Alle Schulen sollten Deutsch als Verkehrssprache festlegen.

Der Umbau des Berliner Schulsystems braucht eine gesellschaftliche Debatte und die Nutzbarmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Schulorganisation. Die Arbeit der Hamburger Kollegen kann zum Vergleich und zur Anreicherung herangezogen werden, nicht alles muss erneut untersucht werden. Dennoch gilt es, für Berlin den besten Weg zu finden. Wir streben hierbei einen überparteilichen Konsens an. Deshalb schlagen wir daher vor, eine Enquete-Kommission einzurichten, in der Vertreter der Parteien, Wissenschaftler und Experten, binnen eines Jahres ein Konsensmodel für das Berliner Schulsystem entwickeln und ein Konzept für den Umbau vorlegen.

Unter Mitarbeit von Stefan Schlede, Leiter des Schulforums der CDU Berlin und den Mitgliedern des Arbeitskreises V Emine Demirbüken-Wegner, Joachim Luchterhand, Andreas Statzkowski, Monika Thamm

Sascha Steuer, 13.09.2001
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