Im Jahre 1897 schrieb die achtjährige Virginia O’Hannlon einen Brief an Francis P. Church, dem Chefredakteur der bekannten amerikanischen Tageszeitung „Sun“:
Ich bin acht Jahre alt. Einige von meinen Freunden sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der „Sun“ steht, ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?
Virginia O’Hannlon
Erstmal landete der Brief im Papierkorb der Redaktion. Es gab viel zu tun – Stress und Hektik wohin man sah; Nachrichten über Vergewaltigungen, Morde, Einbrüche, Katastrophenfälle – und überhaupt: Wer glaubt Ende des neunzehnten Jahrhunderts schon noch an den Weihnachtsmann? Wer hat schon Zeit um sich mit den albernen Vorstellungen eines Kindes zu beschäftigen?!
Doch dabei blieb es nicht.
Der Brief ging dem Chefredakteur nicht mehr aus dem Kopf, immer wieder dachte er an die Frage des Kindes – der Weihnachtsmann – gibt es einen Weihnachtsmann – einen Weihnachtsmann? Und als er abends nach Hause ging, betrachtete er die Welt um sich herum mit ungewohnten Augen. Er sah Dinge, die ihm jahrelang nicht mehr aufgefallen waren – er dachte nach, lange Zeit, und dann lief er noch einmal zurück an seinen Schreibtisch und antwortete Virginia in einem Brief, der von nun an bis zur Einstellung des Blattes im Jahre 1950 regelmäßig zur Weihnachtszeit als Leitartikel der „Sun“ erschien:
Virginia,
Deine kleinen Freunde haben nicht Recht. Sie glauben nur, was Sie sehen. Sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen. Ja, Viriginia, es gibt einen Weihnachtsmann.
Es gibt ihn so gewiss wie Liebe und Großherzigkeit und Treue. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Es gäbe dann auch keine Virginia, keinen Glauben, keine Poesie, gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt ausstrahlt, müsste verlöschen. Es gibt einen Weihnachtsmann. Sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, du könntest Deinen Papa bitten, er solle am heiligen Abend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen.
Trotzdem gibt es sie.
All die Wunder zu denken, geschweige sie zu sehen, das vermag nicht der Klügste auf der Welt. Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen.
Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal alle Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann wird die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. „Ist das denn auch wahr?“ kannst Du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist beständiger. Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, und Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia.
Dein Francis P. Church
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| Johannes Eydinger, 22.12.2007 |